Turnsperre
Auch: Turnverbot · Verbot der Turnplätze
Das preußische Turnverbot von 1820 bis 1842.
Die Turnsperre war ein staatliches Verbot des Turnens. Nach dem Attentat Karl Ludwig Sands auf August von Kotzebue im März 1819 und den darauf folgenden Karlsbader Beschlüssen erließ Preußen 1820 ein Turnverbot. [1] Damit endete zunächst die öffentliche Turnbewegung, die 1811 auf der Berliner Hasenheide begonnen hatte. [1] Der Grund war politisch: Das vaterländische Turnen verband körperliche Ertüchtigung mit patriotischer Erziehung und galt als Sammelbecken nationaler und oppositioneller Kräfte. [1] Turnfeste dienten der Mobilisierung patriotischer Gefühle. [1] Bereits das Wartburgfest von 1817 hatte politische Wirkung entfaltet. [1] Erst König Friedrich Wilhelm IV. hob die Sperre 1842 auf und erkannte Leibesübungen als notwendig an. [1] Dazwischen lagen 22 Jahre. [1] Der Turnbetrieb ruhte weitgehend. [1] Danach begann eine neue Phase. [1] Sie führte zur Vereinsbewegung. [3]
Der Hintergrund
Das Turnen war Teil einer politischen Bewegung. Jahn wirkte zur Zeit der Befreiungskriege in Berlin als Organisator einer Turngesellschaft und trug zur Entwicklung des politischen und öffentlichen Vereinswesens bei. [3] Der Turnplatz bot eine bis dahin unvorstellbare Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. [2] In aller Öffentlichkeit wurde ein großer Teil der alltäglichen Beschränkungen beiseite gefegt. [2] Genau das machte ihn für die Obrigkeit verdächtig. [1] Die Karlsbader Beschlüsse richteten sich gegen solche Zusammenschlüsse. [1] Das Turnverbot war Teil davon. [1]
Die Folgen
Der Bruch war tief. Fast 200 Turnplätze waren nach dem Vorbild der Hasenheide entstanden, samt Geräten, Mitgliedschaften, Finanzierung und ausgebildeten Vorturnern. [2] Diese Strukturen verloren ihre Grundlage. [1] Jahn selbst wurde verhaftet. [1] Die Weitergabe der Übungen brach ab, soweit sie öffentlich stattfand. [2] Das 1816 erschienene Werk zur Turnkunst blieb aber verfügbar. [2] Über es überdauerte das Wissen. [2]
Die Aufhebung
1842 endete die Sperre. König Friedrich Wilhelm IV. hob sie auf und erkannte Leibesübungen als notwendig an. [1] Damit war das Turnen staatlich anerkannt, nicht mehr verdächtig. [1] In den folgenden Jahrzehnten entstand die Vereinsbewegung, die 1848 und 1849 zur Aktionsplattform für nationale und demokratische Ziele wurde. [1] 1868 folgte eine Dachorganisation. [1] Sie berief sich auf Jahn. [1] Und betonte die Wehrerziehung in seinem Sinne. [1]
Der Neuanfang
Nach 1842 professionalisierte sich das Turnen. Die Vorturner bildeten in den Vereinen eine Art Eliteschicht und wurden vom Turnwart ausgewählt, um den Riegen ihrer Abteilung die Turnfertigkeiten zu vermitteln. [4] Dafür mussten sie sich in besonderen Ausbildungsstunden Kenntnisse aneignen und diese in einer Vorturnerprüfung nachweisen. [4] 1863 hielt eine württembergische Turnlehrerbildungsanstalt die ersten Vorturnerkurse ab. [4] Damit stand jedem Turngau ein ausgebildeter Turnlehrer zur Verfügung. [4] Aus der verbotenen Bewegung wurde eine geordnete Struktur. [4] Sie hielt bis in die Nachkriegszeit. [4]
Die politische Deutung
Die Sperre zeigt die politische Dimension des Turnens. Weil das Turnen von Anfang an mit nationaler Erziehung verbunden war, wurde es als politische Bewegung wahrgenommen und behandelt. [1] Turnfeste blieben auch nach 1842 Aktionsplattformen. [1] 1848 und 1849 dienten sie nationalen und demokratischen Zielen. [1] Später unterstützte die Dachorganisation die Innenpolitik gegen die Sozialdemokratie. [1] Die Richtung wechselte also mehrfach. [1] Die politische Nähe blieb. [1]
Die Sprache überdauerte
Was blieb, war das Vokabular. Die Deutsche Turnkunst hatte 1816 Begriffe wie Turnplatz, Turnstunde, Turnwart, Turnlehrer und Vorturner festgehalten. [3] Diese wurden nach 1842 unverändert weiterverwendet. [3] Auch das Wort Riege, 1816 aus dem Niederdeutschen übernommen, blieb erhalten. [3] Die Sprache überdauerte damit das Verbot. [3] Sie verband die Zeit vor und nach der Sperre. [2] Und prägt das Turnen bis heute. [3]
Ihre Bedeutung
Die Turnsperre ist der tiefste Einschnitt in der Geschichte der Sportart. Sie unterbrach eine Bewegung, die binnen weniger Jahre Hunderte von Plätzen hervorgebracht hatte. [2] Zugleich zeigt sie, wie eng Turnen und Politik im 19. Jahrhundert verbunden waren. [1] Nach der Aufhebung 1842 entstand die Vereinsstruktur, die bis heute besteht. [4] Aus Turnplätzen wurden Vereine, aus Vorturnern Übungsleitungen. [4] Der Bruch war also auch ein Neuanfang. [1] Er prägte die Organisationsform. [4]
Auf einen Blick
Verwandte Begriffe
Quellen
- Deutsche Turnbewegung und deutsche Geschichte, Jahn und die Folgen Bundeszentrale für politische Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte
- Zur Terminologie des Gerätturnens bei Jahn und heute, Jahn-Report 32 GYMmedia, Jahn-Report
- Turnen und Turnsprache im 19. Jahrhundert in Deutschland Deutsche Nationalbibliothek
- Der Turnbetrieb in der Kaiserzeit Schwäbischer Turnerbund
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