Schnitzelgrube
Auch: Schaumstoffgrube · Foampit
Mit Schaumstoffwürfeln gefüllte Grube im Hallenboden, in der neue Flugelemente erprobt werden, bevor sie auf harter Unterlage gelandet werden.
Die Schnitzelgrube ist eine mit Schaumstoffwürfeln gefüllte Vertiefung im Hallenboden, in die hinein gelandet wird. Sie steht am Anfang jedes schwierigen Elements, denn ohne Grube werden viele Elemente erst gar nicht entwickelt, und die Landungen würden eine Gesundheitsgefährdung der jungen Turnerinnen darstellen. [1] Der Turner springt also zunächst in weiches Material, lernt die Drehung zu Ende zu bringen und wechselt erst danach auf Matten. Die Grube ist damit weniger ein Gerät als eine Voraussetzung. Wer keine hat, turnt einen anderen Sport.
Was dort geturnt wird
In der Grube entstehen genau die Elemente, die auf Matten zu gefährlich wären. Dazu zählen akrobatische Elemente wie Schrauben oder Doppelsalti aus dem Anlauf sowie Abgänge und Flugelemente am Barren. [1] Der Turnende kann abbrechen, zu früh oder zu spät öffnen und trotzdem sicher aufkommen. Diese Fehlerfreundlichkeit ist der eigentliche Trainingswert, denn ein neues Element gelingt selten beim ersten Versuch. Erst wenn die Bewegung sicher sitzt, wandert sie auf die Landematte. Der Weg führt vom weichen zum harten Untergrund.
Warum die Landung so heikel ist
Der Grund für den Aufwand liegt in der Unfallstatistik. Die Landung nach einem Sprung über ein Gerät ist der Unfallschwerpunkt im Turnen, weil die Turnenden umknicken oder stürzen. [3] Etwa vierzig Prozent der schweren Turnunfälle ereignen sich beim Sprung über ein Gerät, weitere sechzehn Prozent beim Bodenturnen. [3] Häufige Verletzungen sind Distorsionen und Prellungen, aber auch Frakturen. [3] Als Ursachen nennt die Unfallversicherung ungeeignete Matten, schlechte Mattenauslagen und das Nichtbeherrschen der kontrollierten Landung. [3] Die Grube nimmt genau diese Risiken aus der Lernphase heraus.
Ein Bauwerk, kein Gerät
Eine Grube lässt sich nicht kaufen und aufstellen. Sie ist Teil des Gebäudes und muss in den Hallenboden eingelassen werden, was bestehende Hallen vor ein Problem stellt. Ein Verein hat sie deshalb nachträglich in einen Zwischenraum von Gerätturnhalle und Mehrzweckhalle eingebaut. [1] Das erklärt, warum Schnitzelgruben fast nur in reinen Turnhallen und an Stützpunkten stehen und in normalen Schulsporthallen fehlen. Für den Leistungsbetrieb ist sie deshalb ein Standortfaktor. Vereine planen ihre Hallen um sie herum.
Die Schwächen der Grube
So hilfreich sie ist, störungsfrei arbeitet sie nicht. Die Oberfläche besteht aus unregelmäßigen Blöcken, wodurch Knöchelbeschwerden und Landungen auf dem Nacken möglich bleiben. [2] Dazu kommt die Hygiene, denn das Material staubt und lässt sich nur schwer reinigen. [2] Der Ausstieg aus der Grube kostet Kraft und Zeit, was die Zahl der Versuche pro Trainingseinheit begrenzt. [2] Und die Füllung setzt sich mit der Zeit, sodass regelmäßig aufgelockert und nachgefüllt werden muss. Eine flach getretene Grube ist keine Grube mehr.
Der aufblasbare Nachfolger
Seit einigen Jahren tritt der AirBag an ihre Stelle. Ein solches Kissen misst vier mal 2,5 Meter bei siebzig Zentimetern Höhe und wiegt rund siebzig Kilogramm. [2] Mit einem 680-Watt-Gebläse ist es in drei Minuten aufgeblasen, verpackt misst es 110 mal siebzig mal fünfundvierzig Zentimeter und lässt sich von einer Person mit Wagen bewegen. [2] Verstellbare Ventile erlauben es, den Druck je nach Trainingsphase weicher oder fester einzustellen. [2] Damit wird aus dem Bauwerk ein Gerät, das in jede Halle passt.
Was der AirBag besser kann
Der Vorteil liegt in der Oberfläche. Statt unregelmäßiger Blöcke bietet das Kissen eine flache, gleichmäßige Fläche, was Knöchelbeschwerden und Nackenlandungen vorbeugt. [2] Der Ausstieg fällt leichter, sodass mehr Übungen in derselben Zeit möglich sind, und die Anschaffung wie die Instandhaltung sind günstiger. [2] Kombinieren lässt sich das Kissen mit AirTrack, Kasten, Sprungtisch, Minitrampolin, Schwebebalken und Barren. [2] Landesverbände verleihen solche Kissen inzwischen an ihre Mitgliedsvereine oder geben Vorzugspreise weiter. [2]
Weiche Flächen im Breitensport
Die Idee der weichen Landefläche ist längst über den Leistungssport hinausgewachsen. Luftgefüllte Bahnen dienen im Turnunterricht sowohl als Sprunghilfe als auch zum Erlernen von Sprüngen und Saltovarianten, für Anfänger wie für Fortgeschrittene. [4] Der methodische Weg führt dort von einfachen Sprüngen bis zum Salto vorwärts. [4] Für Vereine ohne Grube ist das der praktikable Ersatz, denn eine Bahn lässt sich aufblasen, benutzen und wieder wegräumen. Die Grube bleibt trotzdem das Maß der Dinge, wenn es um große Höhen geht.
Auf einen Blick
Verwandte Begriffe
Quellen
- Turnerinnen des Fördertrainings nutzen die Schnitzelgrube Kinderturnen bewegt, Turnverband Mittelrhein
- Der AirBag S, die Schnitzelgruben-Alternative Bayerischer Turnerverband, Turnbezirk Schwaben
- DGUV Information 202-114, Gerätturnen in der Schule Unfallkasse Nordrhein-Westfalen
- Monatsthema 01-02/2019, Sprungfreude auf dem Airtrack mobilesport.ch, Bundesamt für Sport
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