Hasenheide 1811
Auch: erster Turnplatz · Berliner Hasenheide
Der erste öffentliche Turnplatz, mit dem 1811 die deutsche Turnbewegung begann.
Mit dem Turnplatz auf der Berliner Hasenheide beginnt die deutsche Turnbewegung. Ab dem Sommer 1811 organisierte Friedrich Ludwig Jahn dort systematisch Turnübungen. [1] Er setzte damit erstmals auf einem öffentlichen Turnplatz um, was er Turnen nannte, und verband es mit dem übergreifenden Gedanken einer Nationalerziehung. [2] Das vaterländische Turnen verband körperliche Ertüchtigung mit patriotischer Erziehung und diente der Wehrertüchtigung. [1] Der Turnplatz selbst bot etwas völlig Neues: In aller Öffentlichkeit wurde ein großer Teil der alltäglichen Beschränkungen beiseite gefegt. [2] Es herrschte eine bis dahin unvorstellbare Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. [2] Körperliche Bewegung und entdeckendes Spielen standen im Mittelpunkt. [2] Schon die ersten Akteure und die immer zahlreicher werdenden Zuschauer muss eine ungewöhnliche Begeisterung mitgerissen haben. [2] Innerhalb weniger Jahre entstanden fast 200 Turnplätze nach diesem Vorbild. [2] Damit war aus einem Ort eine Bewegung geworden. [2] Sie prägte das 19. Jahrhundert. [1]
Der Aufbau
Ein Turnplatz war mehr als eine Wiese. In wenigen Jahren wurden Turngeräte gebaut, Mitgliedschaften und Finanzierung vereinbart, Bewilligungen eingeholt und Vorturner ausgebildet oder von andernorts herangeholt. [2] Damit entstand eine Organisationsform, die es zuvor nicht gab. [2] Sie verband Übungsbetrieb, Ausbildung und Verwaltung an einem Ort. [2] Aus dieser Struktur wuchs später das Vereinswesen. [3] Ihre Ursprünge liegen im 18. Jahrhundert bei GutsMuths. [3] Jahn nutzte dessen Anstalt als Vorbild. [1]
Die Übungen
Geturnt wurde an selbst gebauten Geräten. Jahn übernahm viele Übungen von GutsMuths, der als Begründer der neuzeitlichen Leibesübungen gilt. [1] Er stellte selbst fest, dass sich die Turnübungen von Turntag zu Turntag vielfacher gestalteten. [2] Sie wurden unter freudigem Tummeln im jugendlichen Wettstreben auf geselligem Wege gemeinschaftlich ausgebildet. [2] Es sei nicht mehr genau zu ermitteln, wer was zuerst erdacht habe. [2] Damit entstand ein offener Entwicklungsprozess. [2] Er brauchte Namen für das Neue. [2]
Die Sprache
Auf dem Turnplatz entstand die Turnsprache. Das Wort Turnen war ein Kunstwort, das Jahn aus sprachgeschichtlichen Kenntnissen und bestehenden Dialekten prägte. [2] Eine deutsche Sache sollte folglich auch in deutscher Sprache benannt werden. [2] Begriffe wie Turnplatz, Turnzeit, Turnstunde, Turntag, Turnwart und Vorturner gelten in der wenig später erschienenen Deutschen Turnkunst als von selbst verständlich. [3] Sie stammen aus dieser Zeit. [3] Viele sind bis heute in Gebrauch. [4] Auch das Wort Riege gehört dazu. [4]
Die politische Aufladung
Der Platz war von Anfang an politisch. Das vaterländische Turnen diente der Pflege der Wehrertüchtigung und verband körperliche Übung mit patriotischer Erziehung. [1] Turnfeste dienten der Mobilisierung patriotischer Gefühle. [1] Bereits das Wartburgfest von 1817 zeigte antisemitische Tendenzen. [1] Diese Seite gehört zur Geschichte des Turnplatzes dazu. [1] Sie führte auch zu seiner Schließung. [1] 1820 erließ Preußen ein Turnverbot. [1]
Das Ende und die Fortsetzung
Die Turnsperre unterbrach die Entwicklung. Nach dem Attentat auf Kotzebue im März 1819 und den Karlsbader Beschlüssen erließ Preußen 1820 ein Turnverbot. [1] Erst König Friedrich Wilhelm IV. hob die Sperre 1842 auf und erkannte Leibesübungen als notwendig an. [1] In dieser Zeit ruhte der öffentliche Turnbetrieb weitgehend. [1] Danach entstand die Vereinsbewegung neu. [1] 1868 folgte eine Dachorganisation. [1] Sie berief sich auf Jahn. [1]
Die Bedeutung für die Geräte
Auf der Hasenheide entstanden auch Geräte. Reck und Barren gehen auf diese Zeit zurück und wurden für den Übungsbetrieb entwickelt. [2] Die Systematik der Übungen wurde erst später schriftlich gefasst. [2] In der Deutschen Turnkunst schrieben Jahn und Eiselen erstmals Grundlegendes dazu auf. [2] Damit wurde aus dem Turnplatz ein lehrbares System. [2] Es ließ sich weitergeben. [2] Und verbreitete sich schnell. [2]
Ihre Bedeutung
Die Hasenheide ist der Gründungsort einer Bewegung. Weil dort erstmals öffentlich, organisiert und für viele zugänglich geturnt wurde, gilt 1811 als Anfangsdatum. [1] Von dort verbreiteten sich Turnplätze, Geräte, Begriffe und Organisationsformen. [2] Zugleich wurde das Turnen von Beginn an mit nationalen Zielen verbunden. [1] Beides gehört zusammen. [1] Die Sportart trägt diese Herkunft bis heute. [3] Sie wird historisch aufgearbeitet. [1]
Auf einen Blick
Verwandte Begriffe
Quellen
- Deutsche Turnbewegung und deutsche Geschichte, Jahn und die Folgen Bundeszentrale für politische Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte
- Zur Terminologie des Gerätturnens bei Jahn und heute, Jahn-Report 32 GYMmedia, Jahn-Report
- Turnen und Turnsprache im 19. Jahrhundert in Deutschland Deutsche Nationalbibliothek
- Riege, Wörterbucheintrag Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache
Alle Texte sind eigenständig formuliert. Die Quellen dienen der Verifikation und dem Weiterlesen.